Seit dem Erscheinen des iPads finden sich in Privathaushalten immer mehr Tablets. Für einfache Aufgaben ersetzen sie die großen stromhungrigen PCs, immerhin schafft so ein Tablet 9 bis 10 Stunden ohne Stromanschluss. Die spannende Frage ist jedoch, kann man mit einem Tablet den PC zu Hause vollständig ersetzen?

Yes we can

Egal welches Tablet am Markt man augenblicklich hernimmt, sie können alle

  • im Internet surfen
  • Mails abrufen
  • eBooks darstellen
  • Musik und Videos abspielen
  • Spiele spielen
  • Briefe schreiben

Das deckt bereits einen Großteil der privaten Wünsche ab. Allerdings lauern hier einige Pferdefüße, die den vollständigen Ersatz unmöglich machen: das kleine Gerät braucht das große, um sich Programmupdates zu holen oder um mit den gewünschten Medien bestückt zu werden.

iOS bis Version 5 benötigte den großen Rechner zum einen zum Aktivieren des Geräts und für das Einspielen der Updates. Mittlerweile kann man beide Vorgänge ohne PC durchführen, die Backups werden in der iCloud gespeichert. Gekaufte Apps sind auf allen Plattformen personengebunden und können somit ohne Backup wieder eingespielt werden. Stände aus den Apps sind entweder im Backup enthalten oder in der Cloud gespeichert. Dieser Vorgang nennt sich Roaming: die Benutzerdaten werden im Benutzerbereich der Onlinefestplatte gespeichert. Damit lassen sich auch Vorgänge an einem Gerät beginnen und an einem anderen fortsetzen.

Auch komplexere Aufgaben, wie das Schreiben eines Briefs, lassen sich mit einem Tablet erledigen. Die Touchbedienung funktioniert einigermaßen, besser ist es jedoch, man beschafft sich Tastatur und Mouse. Beide lassen sich via Bluetooth einbinden. Manche Geräte, wie das Surface RT haben bereits eine Tastatur mitgeliefert.

Tastatur und Ständer

Problematischer sind Speichern und Drucken. Alle speichern ihre Daten lokal ab, darüber hinaus wird es knifflig. Nutzt man iOS, kann man seine Daten in der iCloud speichern. Allerdings kann man auf die iCloud nur mit appleeigenen Gerätschaften zugreifen. Plant man auch mit anderen Geräten, wie Android, Windows Phone oder PC zu arbeiten, fällt die iCloud heraus. Auf andere Onlinefestplattenanbieter kann man mit iOS per WebDAV zugreifen. Jedoch muss man umständlich eine lokale Kopie der Datei erstellen und diese im Anschluss wieder auf die Onlinefestplatte kopieren. Besser ist da Windows RT, welches bereits mit Bordmitteln auf alle zugänglichen Onlinefestplatten zugreifen kann. Auch lokale Netzwerkfestplatten (NAS) und USB-Festplatten lassen sich nach diesem Muster nutzen.

Drucken geht grundsätzlich auch, jedoch muss man darauf achten, dass das gewünschte Tablet den eigenen Drucker unterstützt. Gerade iOS macht hier Probleme, da die Liste der unterstützen Drucker recht klein ist. Im Zweifel braucht man dann doch wieder den Weg über den PC, um Dokumente zu drucken.

Tablets werden, verglichen mit den Werten der PCs, mit recht kleinem "Festplattenspeicher" ausgeliefert. Für einen Urlaubstrip mag das reichen, auf Dauer wird man Probleme bekommen. Will man ein Tablet unabhängig betreiben, bietet sich auf jeden Fall ein Heimserver (NAS) zum Speichern der Dokumente, Bilder, Videos und Musik an. Tablets können meist mit Bordmitteln auf diese Heimserver zugreifen, ist das nicht der Fall, wie bei iOS, gibt es Apps dafür (z. B. FileBrowser). Die Tablets können Musik und Videos direkt vom Heimserver abspielen (streamen).

Was, wenn man Musik und/oder Videos auf dem Gerät speichern will, wenn man unterwegs offline darauf zugreifen will? Dann geht es beim iPad nichts ohne den PC, weil man schlicht und einfach nicht weiß, wohin man die Inhalte speichern soll. Auch Apps wie CineXPlayer müssen über iTunes bespielt werden. Sicherlich kann man gekaufte Inhalte direkt auf das iPad spielen, da sich iTunes merkt, was man gekauft hat. Es wird jedoch immer zu einer heimischen Sicherungskopie geraten und ein Weg, das Video direkt auf den Heimserver zu spielen, existiert nicht.

Auf einem Windows RT-Tablet stellt das vordergründig kein Problem dar. Das Kopieren von und nach dem Heimserver (oder anderen Quellen) stellt mit dem Explorer kein Problem dar. Kritisch sind auch hier die gekauften Videos. Zwar kann man einen Film direkt über die Xbox-Server streamen, aber Microsoft schreibt beim Kauf davon, dass das nur 6 Monate möglich ist. Weswegen man sich unbedingt eine lokale Kopie erstellen sollte.

Geht doch gar nicht

Eingaben

Hat man schon mit den Standardaufgaben seine Schwierigkeiten, fangen sie bei Spezialtätigkeiten erst an. Zunächst muss man sich bewusst sein, dass ein Tablet, welches für Touchbedienung konzipiert ist, vor allzu komplexen Aufgaben kapituliert. Sicherlich kommt man irgendwie zum Ziel, aber die Bedienung wird per Touch deutlich komplizierter als mit dem präzisen Eingabegerät Mouse. Das trifft gleichermaßen für Pages wie Office 2013 zu. Auch, wenn Pages funktionell abgerüstet und Office 2013 "magnetisch", d.h. das System versucht zu erkennen, welchem Befehl die Toucheingabe am nächsten ist, macht die Bedienung via Touch wenig Spaß. So muss man Befehle ausblenden (oder das System macht das), damit man auf dem kleinen Arbeitsbereich des Tablets überhaupt seinen Inhalt sieht. Das Markieren von Inhalten gerät des Öfteren zur Glückssache.

Abhilfe schaffen, wie bereits oben erwähnt, zusätzliche Gerätschaften, was jedoch Mehrkosten mit sich bringt. Mit Tastatur und Maus allein ist es jedoch nicht getan. Denn ein Tablet steht häufig nicht von selbst, weswegen ein Ständer her muss. Im günstigen Fall hat man für ein iPad Mehrkosten von 90,00 Euro (Tastatur + Ständer integriert und Magic Mouse, möglicherweise sind andere Mäuse möglich, für die Magic Mouse ist nachgewiesen, dass sie funktioniert). Schafft man sich ein Surface RT mit 32 GB an, bezahlt man 579,00 Euro für ein Gerät, welches bereits Stände und Keyboard (über die Schutzhülle) integriert hat. Hier ist noch die Anschaffung einer Mouse notwendig, was mit 25,00 Euro Mehrkosten zu Buche schlägt. Nimmt man ein Ativ Tablet, kostet dieses mit Tastatur, welche zugleich als Ständer dient, 780,00 Euro (64GB Variante). Auch hier ist die Anschaffung einer Mouse notwendig.

Samsung Ativ

Software

Nun kann man je nach Aufgabenstellung zwischen Touch- und Pointbedienung umstellen. Fehlt noch die Software. Office ist, wie oben erwähnt, eigentlich auf jeder Plattform gut abgedeckt. Will man jedoch Bilder und Videos bearbeiten, fällt das Angebot unterschiedlich aus. Für iOS gibt es eine für das iPad optimierte Photoshopversion, welche sich auf keinen Fall mit Photoshop Elements geschweige denn mit Photoshop CS messen kann. Es ist für den Hausgebrauch und man kleinere Korrekturen vornehmen. Wer ambitionierter ist, für den fällt ein Tablet als Ersatz für den PC heraus. Auf Windows 8 RT gibt es kein Photoshop, dafür gibt es wie auf iOS Anbieter, die Fotofunktionen für den Hausgebrauch bereitstellen. Darunter kann man sich automatisierte Software vorstellen, die rote Augen verschwinden lässt, man kann Bilder zuschneiden und die Bildqualität korrigieren.

Photoshop Express iOS

Nicht besser sieht es bei Videobearbeitung aus. Zwar gibt es für das iPad iMovie, jedoch kommt diese Software nicht über das Niveau zum Betriebssystem mitgelieferter Software hinaus, brennen aus dem iPad heraus ist nicht möglich und man sollte schon ein Gerät mit viel Speicher haben. Da sieht es mit einem Windows RT-Gerät schon besser aus. Auf dem Niveau von iMovie erhält man Final Cut Pro X103. Das "Besser" liegt jedoch weniger an der App, als daran, dass man direkter auf den Homeserver oder eine USB-Festplatte zugreifen kann. Via USB kann man ebenfalls das fertige Video brennen. Nichtsdestotrotz: wer ambitionierter Videoschnitt betreiben will, kommt an einem PC nicht vorbei.

Ebenfalls ein K.O.-Kriterium ist die jährliche Steuererklärung. Elster setzt zwingend Java voraus, um zu funktionieren. Damit fallen alle Tablets heraus, eine Elster-App konnte ich auf keiner Plattform finden.

Hat man ein Smartphone, möchte man dieses ebenfalls mit Inhalten bestücken. Bisher ist hier auch der PC das Bindeglied, wenngleich Smartphones zum Teil bereits äußerst autonom agieren können (Updates, Bilder, Musik & Videos streamen, Dokumente speichern). Jedoch braucht dieses oder jenes Modell sein Mutterschiff: das iPhone braucht iTunes ebenso wie das iPad für Dateien, Galaxies (Android) für manches Update zwingend Kies (Galaxy S2) und alle muss man zum Kopieren von Inhalten an einen Rechner stecken. Damit fällt das iPad schon mal heraus, weil man hier nichts anstecken kann. Das Surface RT kann zwar Inhalte aufspielen, sofern es das Smartphone als Massenspeicher erkennt (womit Windows Phone 7 Geräte herausfallen, da sie zwingend Zune brauchen), sobald Drittsoftware wie Kies oder Zune ins Spiel kommt, flaggt auch das Surface RT weiß. Entweder achtet man beim nächsten Smartphone darauf, dass es zum Tablet passt, z. B. ein Windows Phone 8 zum Surface RT, oder man wird auch hier den PC nicht los.

Andere Möglichkeiten

An dieser Stelle werden Kritiker einwenden, dass man zumindest mit Windows 8 nicht zwingend den Limits unterliegt, die ich aufgezählt habe. Denn nimmt man sich ein Tablet mit Windows 8 (bisher betrachtete ich Windows RT), dann kann man ja die bisher verwendete Software verwenden und braucht diese neumodischen Apps nicht.

Das ist zum Teil richtig. Ich habe bewusst das iPad mit Windows RT verglichen, weil beide auf dem ARM-System basieren. ARM ist ein Konkurrenzsystem zu den bekannten Intel-Systemen (x86). Salopp kann man sagen, ARM hat keine Power, aber dafür enorm viel Puste. Sprich der Akku hält deutlich länger als bei einem x86-System (6 vs. 10 Stunden). Durch das Haushalten mit Energie sind ARM-Geräte leichter und dünner als ihre x86-Pendants. Sprich, ARM-Geräte sind konsequent für Mobilität designt. Schließlich möchte man sein Gerät ja mit auf die Couch nehmen und sich nicht zwingend in das Arbeitszimmer zurückziehen.

Klar kann man sich auch ein x86-Tablet kaufen und damit seine bisherige Hardware ablösen. Doch es sind ein paar Kleinigkeiten zu bedenken. Erstens sind die x86 deutlich teurer. Das Surface RT (64GB ) kostet 679,00 Euro, das Surface Pro in gleicher Ausstattung 879,00 Euro. Nicht enthalten im Pro ist ein Office, welches extra gekauft werden muss. Dazu sind die Geräte, wie oben erwähnt, nicht so kompakt und müssen häufiger an die Steckdose. Alternativ kann man über Convertibles nachdenken, die man nach Wunsch falten kann. Eben waren sie noch ein Laptop, schon sind sie ein Tablet. Beispiel dafür ist das Lenovo Yoga, welches mit Preisen ab 1.300,00 Euro dann noch mal teurer ist. Und deutlich schwerer!

Lenovo Yoga

Noch Zukunftsmusik sind Geräte, die unterwegs ein Smartphone darstellen und zu Hause gedockt werden. Sie stellen sicherlich einen guten Kompromiss zwischen Mobilität und Produktivität dar. Allerdings fehlt hier eine ganze Klasse, nämlich die Größe des Tablets. Denn es ist egal, wie groß das Smartphone ist, zum Couchsurfen ist die Größe eines Tablets deutlich besser.

Ubuntu Mobile

Fazit und Ausblick

Leider kann man heute kein Gerät ruhigen Gewissens für eine vollständige Ablösung der bisherigen Haushaltshardware empfehlen. Irgendwo steckt immer ein Pferdefuß. Tablets sind weiterhin nur eine Ergänzung des heimischen Gerätezoos. Diese Erkenntnis ist insofern traurig, weil in diesem Jahr nicht wenige Haushalte Geld in die Ablösung der alten Windows XP-Systeme investieren müssen, da der Support dieses alten Betriebssystems im kommenden Jahr ausläuft und ein Betrieb im Internet auf Grund der dann nicht mehr gelieferten Sicherheitsflicken ein nicht vertretbares Risiko darstellt. Sicherlich kann man bereits heute mit einem Windows Pro-Tablet eine Ablösung vornehmen, jedoch verzichtet man dann auf viele Vorteile, die ARM-basierte Tablets bieten.

Ebenfalls nicht zu unterschätzen ist die Lebensdauer eines Tablets. Ein PC schafft es in manchen Haushalten auf beachtliche 6 bis 10 Jahre Lebenszeit. Von solchen Zahlen kann man sich bei Tablets verabschieden. Das Maximum liegt derzeit bei 5 Jahren, welche Microsoft als Updateunterstützungszeit für Windows RT angibt. Fraglich ist, ob heutige Tablets mit Windows RT in zwei Jahren noch die Power haben, so flüssig wie heute zu funktionieren. Als warnendes Beispiel braucht man nur auf das iPad 1 zu schauen, welches nach 1 1/2 Jahren mit dem Update auf iOS5 nicht mehr flüssig lief und mit dem Nicht-Update auf iOS6 quasi wertlos ist. Wertlos deshalb, weil es für immer mehr Apps keine Updates mehr gibt und Sicherheitslücken nicht mehr geschlossen werden. Ganz traurig schaut es auf der Androidfront aus. Hier stellen die Hersteller ihren Support meist nach 1 bis 2 Updates ein.

Dennoch wage ich die Prognose, dass Tablets langfristig im Haushalt den PC ablösen werden und dieser sein Dasein nur noch in Nischen fristen wird. Nur, heute ist es noch nicht soweit.